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vornehmen, die also mit nicht eigener

Leistung Traffic herbeiführen, Umsätze

und letztlich Gewinn erzielen.

Auf diesen Plattformen findet auch

keine Unterscheidung zwischen Informa-

tion und Meinungspluralismus, wie er in

Redaktionen vorherrscht, und dem völlig

willkürlichen Auswahlmodus durch in-

transparente Algorithmen statt, der in

den sozialen Medien letztlich zu einer im-

mer größeren Meinungs- und Haltungs-

armut führt.

Nationale Medienförderung wird

nicht ausreichen, um die Bedrohung ab-

zuwehren, denen redaktionell gestaltete

Medien ausgesetzt sind, aber nicht zu

agieren und damit die ökonomische

Situation der redaktionellen Medien zu

negieren, hieße, sich, wenn es um die

Funktionsfähigkeit dieser demokrati-

schen Infrastruktur geht, für unzuständig

zu erklären.

E

s muss uns aber auch bewusst sein,

dass öffentliche Finanzierung und

Unabhängigkeit nicht ohne Friktionen in

einem Satz genannt werden können. Me-

dien gehören zu den heiklen Förderneh-

mern, das Spannungsfeld zwischen öko-

nomischer Abhängigkeit und inhaltlicher

Unabhängigkeit ist uns allen geläufig.

Genauso wie in einer Gesellschaft, die

das Recht auf Information, das Recht auf

Teilhabe an demokratischen Prozessen

und das Recht auf freie Meinungsäuße-

rung hochhält, diese Freiheit der Mei-

nungsäußerung unteilbar sein muss, so

muss auch die ökonomische Absicherung

der Medien – und diese sind Garanten

dieser Freiheiten – nach weitgehend ob-

jektiven, transparenten Kriterien best-

möglich sichergestellt werden.

Ceterum censeo: Es wäre ein großer

Fortschritt, würde die Diskussion um die

Bestandssicherung von redaktionell ge-

staltetenMedien nicht ein weiteresMal als

Verteilungskampf innerhalb der Branche

inszeniert werden. Wenn die Haie einen

Fischschwarmumkreisen, macht es evolu-

tionär keinen Sinn, wenn sich die Beute­

fische zuerst einmal selbst kannibalisieren.

Z

usammengefasst: Medien, die durch

abwägende und diskursive Bericht­

erstattung die demokratische Willensbil-

dung fördern, leisten einen wesentlichen

Beitrag zur demokratischen Kultur in

Österreich. Träger dieser Leistung sind

die Redaktionen beziehungsweise qualifi-

zierte Journalistinnen und Journalisten.

Grundsätzlich sind somit journalistische

Leistung und der journalistische Beitrag

zur demokratischen Willensbildung för-

derbar, sinnvollerweise jedoch nicht spe-

zifische Modelle der Herstellung oder des

Vertriebs von Medien. Folgerichtig sollten

wir in die Ausstattung von redaktionell

gestalteten Medien investieren – als De-

mokratie, als öffentliche Hand. Als eine

denkbare Maßzahl, die dafür relevant ist,

erscheint mir die Anzahl von Journalis-

tinnen und Journalisten, die ein Medien-

unternehmen zu fairenBedingungen unter

Beschäftigung hat.

Zurück ins Haifischbecken: Nicht un-

ähnlich ist die Finanzierung von elektro-

nischen Medien in Zeiten hoher Raub-

fischkonzentrationen zu sehen.

L

assen Sie mich an dieser Stelle Roger

deWeck, Generaldirektor der Schwei-

zerischen Radio- und Fernsehgesellschaft,

zitieren:

„Das öffentliche Medienhaus journa-

listisch oder finanziell zu schwächen,

würde die Privaten nicht stärken. Es

würde die Strukturkrise in der Medien-

landschaft nicht beheben, sondern ver-

schärfen und den Qualitätsabbau be-

schleunigen. In Europa verabschieden

sich Medienkonzerne allmählich vom

Journalismus, da er wenig rentiert. Eine

geschwächte SRG neben geschwächten

privaten Medien wäre die schlechteste

Option. Gemeinsames Ziel muss sein:

starke private Medienhäuser und ein

starkes öffentliches Medienhaus.

(…)

Die Hälfte der Ausgaben für TV-Wer-

bespots wandert ins Ausland und wird

nicht in den Schweizer Journalismus

reinvestiert, zwei Drittel der Onlinewer-

bung gehen an globale Anbieter. Schwei-

zer Medienhäuser sind da konkurrenz­

fähiger, wenn sie einander stärken. Ob

privat oder öffentlich – im Netzzeitalter

wird kein Schweizer Medienhaus im Al-

leingang gewinnen.“

Das gilt nahezu deckungsgleich auch

für unser Land. Schauen wir darauf, dass

sich im Sinne de Wecks „Journalismus

rentiert“. Der Artikel in der

New York

Times

trug übrigens den Titel: „Yes, the

News Can Survive the Newspaper“.

Um die News macht sich niemand

Sorgen. Um redaktionell gestaltete Me­

dien als Orte für demokratischen Diskurs

sollten wir jedoch im besten Sinne

besorgt sein.

Fotos: Wolfgang Wolak, wuapaa/picturedesk.com

9

TREND bestseller

II

Aus einer durch Zeitungen begleiteten

und auch geformten Gesellschaft ist eine von

Radio und Fernsehen dominierte geworden,

die sich gerade mit unglaublichem Tempo

zur Social-Media-

Gesellschaft wandelt.

II