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ian ehm

bestseller

_eins 2016

3

Leitartikel

Die Zeichen für den Wandel sind quadratisch,

einen halben Meter hoch und mit grauem,

schwarzem und rotem Stoff bezogen. Wer den

Meetingraum der

Zeit-

Online-Redaktion in

Berlin betritt, findet keinen meterlangen Be-

sprechungstisch mit schwarzen Drehsesseln –

sondern viele kleine Sitzwürfel, die kreuz und

quer verteilt im Raum stehen. Bei Google gibt

es zwar noch klassische Konferenzräume, lieber

aber treffen einander die Mitarbeiter in der

Küche oder sitzen dort auf der Schaukel. Und

beim Analytics-Unternehmen adjust ziehen

sich Kollegen für Besprechungen in eine der

beiden kleinen Holzhütten zurück, die im

Großraumbüro stehen.

Die Arbeitswelt ist offener geworden – nicht

nur räumlich und inhaltlich, sondern auch in der

menschlichen Beziehung zueinander. Man stellt

Tischfußballtische und Carrera-Bahnen in die

Büros, baut Minigolfbahnen in die Flure, richtet

Sitzecken mit bunten Pölstern ein und installiert

große TV-Screens. Die Unternehmen engagie-

ren Köche, lassen täglich steigenweise frisches

Obst liefern, füllen die Kühlschränke mit kalten

Getränken und an der Bar in der Küche gibt es

Gin, Rum und Whisky. Chefs zwängen Mitarbei-

ter in keine Büros mehr, sondern zimmern ihnen

eine Art Wohnung. Nach dem Motto: „Die Firma

sorgt für dich.“ US-Konzerne wie Facebook

haben es gezeigt, immer mehr europäische

Unternehmen ahmen es nach. Nur zum Schla-

fen muss man noch nach Hause. Aber bald wird

es auch Coliving geben. Nest ist ein Pionier­

projekt: der Zusammenschluss von Gründern

und Kreativen, die sich vier Wohnungen in der

City von Kopenhagen teilen. 21 Zimmer gibt es

und vier Gemeinschaftsräume. Jeder hat

Schlüssel zu allen Wohnungen. Nicht immer

geht es hier um die Arbeit. Aber oft wird aus

dem zufälligen abendlichen Beisammensitzen

eine Brainstorming-Session. Ein guter Job heißt

heute für viele: machen, was man liebt, mit

Menschen, die man mag, in Räumen, in denen

man sich wohlfühlt.

Klingt großartig. Die Idee dahinter ist aber

knallhartes Business: Wer gern ist, wo er

arbeitet, tut das länger und geht Extrameilen.

Meist unentgeltlich. Weil es Spaß macht. Weil

die Firma doch so gut zu einem ist. Ein psycho-

logisch kluger Schachzug, aber auch ein ge-

fährlicher. Es verschwimmen die Grenzen

zwischen Privatleben und Job, es klingt nach

Ausbeutung und Abhängigkeit.

Unternehmer sollten lernen, den schmalen Grat

zu gehen, um Mitarbeiter zu binden, aber sie

nicht zu entmündigen oder zu vereinnahmen.

Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, ohne sie da-

von abhängig zu machen. Sie sollten Herausfor-

derungen stellen, aber Mitarbeiter nicht kreativ

aussaugen. Frischer Spirit entsteht nur durch

individuelle Ideen. Die können nur reifen, wenn

Mitarbeiter selbstständig denken.

Es geht um Vertrauen. Vertrauen in die Genera-

tion Y, die derzeit in vielen Firmen avanciert.

Die jungen Profis der Branche haben schon

mit genug Vorurteilen zu kämpfen: Sie gelten

als vergnügungssüchtig und wenig karriere­

bewusst. Das stimmt nicht. Im Gegenteil.

Die Generation Y ist zielstrebig, sie sucht aber

intensiver nach dem Sinn im Leben als Genera-

tionen zuvor. Der Shell-Jugendstudie zufolge

stehen Tugenden wie Fleiß und Ehrgeiz be­

sonders hoch im Kurs. Also wird auch diese

Generation aus sich selbst heraus großartige

Werbekampagnen kreieren, eindrucksvolle

Reportagen schreiben und neue Projekte

vorantreiben. Die Jungen wollen bloß flexibel

sein – sagt eine Untersuchung der Wirtschafts-

prüfer von PricewaterhouseCoopers (PwC).

Nicht weniger arbeiten, sondern anders arbei-

ten. Anders leben. Anders denken. Und das

ist doch eine große Chance – für die Branche

und für die gesamte Wirtschaft.

Die neue Art der Arbeit

Marlene

Auer

ist Chefredakteurin

von

bestseller

und

HORIZONT – und kom-

mentiert hier ihre Ein-

drücke, die sie auf der

„Study Tour“ des ÖZV in

Berlin gewonnen hat.

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Die Generation Y

sucht intensiver nach

dem Sinn.

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