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ian ehm

bestseller

_fünf 2016

3

Leitartikel

Facebook ändert seinen Algorithmus am laufenden

Band. Weil die Aktivitätsquote zuletzt sank,

werden nun mehr als bisher jene Inhalte prominent

im Newsfeed gelistet, die von Freunden verstärkt

geteilt werden. Man soll nichts von Menschen

verpassen, die einem nahestehen. Bei Anzeigen

werden wir gefragt, ob uns das Produkt gefällt,

weil Facebook uns noch gezielter mit Infos (und

Werbung) versorgen möchte. Ein scheinbar char­

manter Zug. Facebook müsste uns nicht fragen,

Facebook weiß ohnehin, welche Artikel wir wie

lange lesen, welche Videos wir ansehen und wel­

che Homepages wir besuchen. Google pfeift aufs

freundliche Fragen, sondern klatscht Advertorials

zu den Suchbegriffen in die rechte Browserspalte.

Und Twitter sortiert die Tweets nun nach Relevanz –

trotz des lautstarken Protests der Nutzer, die kein

„zweites Facebook“ wollten.

Fakt ist: Wir können dem Absaugen von Daten und

der daraus entstehenden Personalisierung gar

nicht entkommen. Und wenn wir genau darüber

nachdenken: Wollen wir das überhaupt? Jeder

neue Tag bringt ein

weiteres Exabyte

an Bildern und

Worten. Die Technik

gibt uns die Macht,

unsere Geräte

unseren Vorlieben entsprechend einzurichten,

indem sie automatisch die Angebote des Tages

durchgehen und für uns persönlich zusammen­

stellen. Die Bots dirigieren.

Gefährlich wird es, wenn objektive Richtlinien nicht

mehr gelten. Denn wie viel Objektivität ist dem ein­

zelnen Individuum zuzutrauen und wie viel Kom­

petenz hat dieses, jene Nachrichten auszuwählen,

mit denen es sich befassen sollte? Wenn es aus­

schließlich uns überlassen bleibt, unsere eigenen

Themen zu programmieren, entgehen uns Informa­

tionen, die für unsere Entwicklung und unser Wis­

sen wichtig sind. Statt uns zu komplexeren Persön­

lichkeiten zu machen, werden wir zum Mittelmaß.

Bereits der britisch-schweizerische Schriftsteller

und Fernsehproduzent Alain de Botton stellte fest:

Wir lernen von klein auf, wie sehr uns Bilder und

Worte prägen. Wir lernen Gedichte und studieren

die Farben von van Gogh. Doch über die über uns

im Sekundentakt hereinbrechenden Nachrichten

klärt man uns eher selten auf. Wir sollen es wichti­

ger finden, wie „Faust“ entstand, als die Titelseite

einer Tageszeitung zu entschlüsseln. Man lehrt

nicht, die große Kunst der Nachrichtenmärkte zu

analysieren, die unseren Realitätssinn durch die

digitalen Möglichkeiten mehr denn je beeinflussen.

Dabei wäre das so wesentlich. Personalisierung ist

gut, wenn die Nutzer ihr gewachsen sind. Wenn sie

ein reifes und objektives Gespür dafür haben,

welche Nachrichten sie erfahren sollen.

Statt aber bei der Bildung Medien zu thematisieren

und Mechanismen zu erfahren, werden Schülern

iPads und Handys in die Hand gedrückt. Wir

schicken die nächste Generation führungslos in

eine Welt, die nicht einmal wir genau verstehen.

Wir mahnen zur Vorsicht, ohne zu wissen, wovor.

Und tun das, was wir schon mal getan haben, als

das Internet den Alltag eroberte: Wir lächeln und

meinen, es wäre schon nicht so wesentlich.

Inzwischen sperrt in der Medienbranche ein Unter­

nehmen nach dem anderen zu, kürzt Redakteurs­

posten und hechelt sinkenden Werbeerlösen

hinterher, die von den internationalen Giganten

abgesaugt werden. Mehr denn je braucht Öster­

reich also Zeitungen und seriöse Journalisten, die

weiterhin die Themen des Tages auswählen und

damit für eine breite Wissensbasis sorgen. Wir

benötigen Medienbildung bereits in den Kinder­

gärten und Schulen und Vortragende, die sich mit

der Materie auskennen. Natives, die die Sprache

der Kinder sprechen – und denen sie vertrauen.

Wir könnten die Werbeabgabe umwidmen und

zweckgebunden dafür verwenden. Oder den

Bundesländeranteil der ORF-Gebühren.

Darüber hinaus sollten wir eine starke EU mit

einem autochthonen Informationssystem anstre­

ben und das Verständnis der Wirtschaft, wieder

mehr in Medien zu investieren, fördern. Österreich

muss sich anpassen, etwas aussitzen zu wollen,

wird sträflich sein. Wir sollten nicht nur davon

reden, an die Zukunft zu denken. Wir sollten die

Weichen dafür auch wirklich stellen.

Mündig werden

statt Facebook-hörig

Marlene

Auer

ist Chefredakteurin von

bestseller

und HORIZONT.

m.auer@manstein.at

@MarleneAuer

Wir benötigen

Medienbildung bereits

in Kindergärten