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ian ehm

bestseller

_vier 2016

3

Leitartikel

Journalismus ist weder eine Frage der Aktualität, der Formatästhetik noch

der technischen Channels. Journalismus – guter Journalismus – ist eine

Frage des Herangehens an Tatsachen, Prozesse, Phänomene. Eine Synthese

aus Neugier, Verdichtung und Stil. Und der Sprachbeherrschung.

In der Debatte über die Monetarisierung von Medien und digitalen Unter­

nehmen wird Journalismus als notwendiges Übel missverstanden, als Luxus

im harten Geschäft.

Darin liegt die Tragik. Und darin liegt auch ein Teil der Krise sogenannter

klassisch-konventioneller Medien. Viele von ihnen haben über Jahre in

Marketing und Werbeakquisition investiert, über Marktlücken nachgedacht,

Vertriebsformen zu optimieren versucht. Und dabei auf das eigentliche Asset

vergessen: den guten Journalismus – und damit die Qualität der Wissensaus­

lese. Die Konsequenzen: Sparen an Redaktion, an Ausbildung von Journalisten.

Und das wiederum führt zur Austauschbarkeit des Mediums.

Der Kreis schließt sich bei den Konsumenten, den Mediennutzern. In Zeiten

der Überinformation durch kostenlose Sites, Push-Dienste und Messenger

brauchen Medien ihre eigene glaubwürdige DNA. Sind Medienmanager durch

immer straffere Budgets nicht mehr in der Lage, diese DNA zu erhalten, ver­

lieren die Konsumenten das Interesse an Medien, die gleich viel bieten und

für die sie aber auch zahlen müssten. Wenn heute also über Roboterjournalis­

mus oder über die Auslagerung des Schreibens an indische Subschreibwerk­

stätten nachgedacht wird, dann hat man den Kern des

Problems nicht verstanden. Dann nützen auch intelligente

Cross-Strategien nichts oder Beteiligungen an anderen

Plattformen, über die man zu verdienen hofft.

Mathias Döpfner, mittlerweile nicht mehr ganz so optimis­

tischer Data-Business-Avantgardist, meinte, Online würde

ein Paradies für guten Journalismus sein und es brächen

wunderbare Zeiten an. Es wäre schön, wenn es für diese wunderbaren Zeiten

auch wunderbare Handwerker gäbe. Denn bloß Channels zu befüllen, ist

weder Journalismus noch Qualitätsarbeit. Und Investigatismus, der sich in

Gerüchten und Wikileaks erschöpft, ist Spam und nicht Aufklärung.

Dass Medien sich heute neu refinanzieren müssen, ist logisch und notwendig.

Senator Burda, einer der ersten Crossmedialisten, hat es selbstironisch auf

den Punkt gebracht, als er über seine kommerziellen Beteiligungen wie an

einem Tierfuttervertrieb sagte: „ein lausiges Pfenniggeschäft“. Nur: Mit die­

sem lausigen Pfenniggeschäft hat er immerhin

Focus

gründen können und

leistet sich, ebenso wie Ringier in der Schweiz, ein paar Luxusmedien im

konventionellen Sinne.

Ob TV, Print oder Online: Qualität ist das Asset. Und in guten Journalismus

muss investiert werden. Dann sind die Konsumenten auch bereit, zu bezahlen.

Wohl mehr denn je.

Qualität ist das Asset

Marlene

Auer

ist Chefredakteurin von

bestseller

und HORIZONT.

m.auer@manstein.at

@MarleneAuer

Mehr denn je

müssen Medien ihre

DNA erhalten