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ian ehm

bestseller

_zwei 2016

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Leitartikel

Es soll in einer einsamen Nacht im Jahr 2004 gewesen sein, als Infor­

matikstudent Mark Zuckerberg an der Harvard University eine Plattform

programmierte, die die Welt veränderte: Facebook. Aus dem einstigen

Start-up ist innerhalb von etwas mehr als einem Jahrzehnt ein Mega­

konzern mit rund 13.000 Mitarbeitern geworden, und der Gründer ist

heute Multimilliardär.

Es sind Geschichten wie diese, die sich in den Köpfen von Jungunter­

nehmern festsetzen, die sie dazu anspornen, ihre eigenen Träume und

Ideen zu verwirklichen. Hat man für die Gründung eines Start-ups vor

20 Jahren noch Kopfschütteln und Unverständnis geerntet, so wird

einem heutzutage Respekt gezollt.

Laut vorläufiger Statistik der Wirtschaftskammer wurden im Jahr 2015 in

Summe 39.738 Neugründungen gezählt. Seit dem Jahr 2000 ist das der

zweithöchste Wert, mehr Firmeneröffnungen gab es mit 40.331 Anmel­

dungen nur im Jahr 2008 – bevor die Krise die Zahl im Folgejahr auf

33.000 stürzen ließ. Seither hat sich die Zahl zögerlich, aber doch wieder

der 40.000er-Marke angenähert. Der grenzenlose Optimismus belebt die

Branche und damit auch die Wirtschaft. Das ist gut so.

Allerdings: Ein Start-up alleine ist noch keine Qualität. Es ist eine Firmen­

gründung, mehr nicht. Und die Innovationsspirale dreht sich schnell, das

zeigt auch folgender globaler Vergleich: 1957 waren Unternehmen im Akti­

enindex Standard & Poor’s, der die größten börsennotierten US-Unter­

nehmen umfasst, im Schnitt 75 Jahre alt. 55 Jahre später ist dieses Durch­

schnittsalter eines Unternehmens auf zehn Jahre gesunken. Es geht also

auch darum, die guten jungen Unternehmen zu verankern und langfristig

lebensfähig zu machen – und ihnen so zum Wachstum zu verhelfen.

Nicht nur die Politik ist gefragt, auch die Medien: Motivieren wir die

Menschen zur Selbstständigkeit. Indem Erfolge beschrieben und Scheitern

entkriminalisiert wird. Aber hören wir bitte auf mit Floskeln und dem

unkritischen Zugang zu allem, was sich „Start-up“ nennt. Es gibt großartige

Jungunternehmer, aber es gibt eben auch viele, die auf der Welle mit­

schwimmen wollen und mehr Luftschlösser bauen als Ideen auf den Boden

bringen. Selbst erfahrene Business Angels sehen die Gefahr einer Blase.

Was wir bedingen, sind junge Gründer – jung im Sinne des Denkens –,

die Risiko tragen wollen, eine Idee haben, sie in die Strategie umsetzen

können, die mündig und selbstreflexiv sind. Sie brauchen möglichst gerin­

ge Barrieren und Administration. Sie brauchen auch Banken, die entspre­

chende Kredite abschließen. Sie brauchen Modelle wie Crowdfunding, bei

dem Privatpersonen mit kleinen Beiträgen in innovative Ideen investieren.

Sie brauchen Mitarbeiter, die selbst wie Unternehmer denken. Es braucht

neue Förderungen für exzellente Schulen und auch Universitäten – für

eine moderne Form der Bildung, die Basis für so ein Denken sein kann.

Der Irrtum mit den Start-ups

Marlene

Auer

ist Chefredakteurin von

bestseller

und HORIZONT.

„Es gibt groSSartige

jungunternehmer. Aber

auch viele, die auf der

welle mitschwimmen.“

„Es braucht neue

Förderungen für

exzellente schulen

und auch Universitäten.“